Archiv für die Kategorie ‘buch’

black box identity

Juli 1, 2008

„[...] cosmopolitian identity is elitist and representative of a mobile middle class, cultural tourists dabbling rootlessly in a variety of cultures in a relentless search for new experiences, aesthetic stimulation and cultural novelty and unable to sustain a sense of local connection or responsibility for the growing number of socially and cultural excluded“ (Featherstone, 2002)

„cosmopolitanism is not a practice of an elite. international economic migration, transnational labour markets and flows of political refugees have created groups of people who have to combine the contradictions of different cultures within their everyday lives. such groups cannot be part of a single nation state, indeed this dislocation is neccessary for their survival. [...] these groups, characterized by their in-between status, demonstrate that neither nation-state nor ethnic group has the monopoly on loyalty … there is an intermediate space where a set of alternatives might emerge, based for example on hybrid identities. [...] increasingly, people have biographies which relate to more than one place. we might say a polygamous relationship to place is becoming the norm: and as one is in love with many places, one develops deep connections to more than one culture. even when forced to be plurally located, affective relations may follow… this aspect of cosmopolitanization is very important and concerns the integration and transcendence of contradicitons between cultures, and at the same time, the preservation of commitment to localities…“ (Beck, 2001)

„stephanie says … that she wants to know … what country shall i say i’m calling from across the world?“ (the velvet underground, 1969)

schöner ficken mit zwei michels

Mai 3, 2008

vor sieben jahren oder so klappte ich sprachlos die „elementarteilchen“ des einen michels zu, heute dann also den „willen zum wissen“, auch gerne „das sexbuch“ von michel f. genannt. zwei franzosen mit demselben vornamen, von denen der eine prosaisch deklariert, was der andere etwa 1976 analytisch auseinanderfaserte.
sex und repression. zur zeit von „wille zum wissen“ vielleicht klassisch verstanden als ein berg von schuld und beichtzwang in einer noch nicht durch unausweichbare massenmedien gewöhnten öffentlichkeit. in echtzeittempo meint dies aber auch die nachmittäglichen talkshows der 90er und ihre obskuren einblicke, die gar nicht erst versuchten, ihren voyeurismus zu verbergen. die selbstdarstellung, selbststilisierung, unterwerfung unter wandelbare ideale zur einzig legitimen deklaration des quantitativ kopulierenden selbst.
vordergründige freiheit ist gleichzeitig in ihrem imperativ einschränkend. an diesem punkt hat das krokodil dispositv bereits zugeschnappt und man sitzt in der falle. verblüffend, dass foucault umso lakonischer erklärt: was ist denn nur los, es gibt diese repression, diese regeln nicht – es gibt nur macht und strategien, und sex ist auf machtbeziehungen und -strategien zwischen einzelnen „punkten“ (individuen, gruppen …) basierend. erobert man „seinen“ sex, erobert man seine eigene freiheit, seine macht, seine wahrheit – scheinbar „zurück“. reizvoll.
dann kommt das ende des bösen märchens: wenn sex auf macht basiert, dann ist die basis der macht widerum der machtkampf. repression entsteht da, wo sich die klassen spalten und die herrschende die parole des verbotes – was im grunde einer distinktion gleichkommt – ausruft. dass die klasse, die die hegemonie an sich reißt damit praktisch auch eine selbstkastration vornimmt, weil sie die markierung als erste vornehmen will, kommentiert foucault mit dem thema der psychoanalyse. diese würde schon dafür sorgen, dass die einen ihre verdrängung kostspielig sublimiert bekämen, während sich die verdrängung „der anderen“ v.a. in gesetzesüberschreitungen äußere (siehe österreich, möchte man meinen).

puh. dieser band ist alles andere als sexy.
von irgendwo im nebel des hirns taucht charlotte roche auf. erst neulich beschäftigte sich das magazin der süddeutschen zeitung mit dem thema „achselhaare“. das SZ-magazin deklarierte und dankte frau roche für den anstoss zum nachdenken über weibliche körperbehaarung unter den armen, denn nicht nur seien wir, das abendland, damit dem „natürlichen sex“ endlich wieder näher, sondern auch frauen, die sich rasierten, müssten sich nicht mehr als opfer eines ästhetischen imperativs ohne erkennbaren zweck fühlen – sie hätten bereits so eine große distanz zum allmächtigen gegenwärtigen sex-diskurs gefunden, wären so ausgefuchst auf-und abgeklärt, dass sie über sowas wie achselhaare doch nicht mehr nachdächten. bis es wieder sommer wird, will man hämisch hinterherrufen.
natürlicher sex? roches buch soll ja auf viele eine befreiende wirkung gehabt haben (es ist mir bis jetzt nicht untergekommen). da ist es wieder, foucaults spielchen: eine lesende und sich mit sexdiskursen beschäftigende klasse kauft das buch, angeregt, einen ratschlag zu erhalten, befreiung, wahrheit – wie ist dein sex, und ich sag dir wer du bist. es folgt religiöse beichte en detail. als existierte der sex nicht, so auch michel f., wenn man nicht über ihn redete.

unten mit pierre und den görlz

April 16, 2008

141 seiten mit pierre bourdieu, meinem intellektuellen späten stiefvater, und seiner „die männliche herrschaft“ (im französischen original 1998 erschienen) verbracht und immer noch werde ich das gefühl nicht los, ich lese die neue brigitte im wartezimmer beim arzt.

das spätwerk bourdieus ist leider schwachbrüstig, stilistisch (schachtelsätze des grauens) wie inhaltlich: pierre b. tut gerade so – aus welchem grund auch immer- als wäre der genderdiskurs der, sagen wir, letzten 15-20 jahre an ihm abgeperlt oder vorbeigerauscht wie regen an einer fensterscheibe. nicht ein sterbenswörtchen in richtung genderkoriphäe judith butler oder den third wave feminism. statt fleißig zu dekonstruieren, baut bourdieu nicht nur die schnarchige binarität von „mann/frau“ in der westlichen hemisphäre säuberlich wieder auf, sondern zieht als methode der objektivierung noch den vergleich mit einer „primitiven“, d.h. der kabylischen gesellschaft und ihrer androzentrik hinzu. äh, ja, klar soweit.
in den fußnoten verliert er sich kurz in der eigentlichen (m.E.) aufgabe seines werkes, nämlich der andeutung soziostruktureller unterschiede zwischen, der einfachheit halber, männern und frauen. denn nicht nur zwischen den geschlechtern, deren größter unterschied immer wieder gerne auch von bourdieu als biologisch legitimiert wird, sondern vor allem innerhalb der geschlechter herrschen gröbste differenzen bezüglich sozialer herkunft, aufstieg/abstieg in der gesellschaft, medien der wahrnehmung und darstellung, etc. einer frau zu unterstellen, sie wäre „wie alle frauen“ und würde dem entsprechend ihr handeln und denken ausrichten, nur weil sie phänotypisch einem bestimmten raster zuzuorden ist, ist vielleicht einer der größten beleidigungen, die man durchaus kritischen xx-chromosomenträgerinnen machen kann.

wenn schon „der weibliche blick auf die männliche perspektive“ nach etwas mehr als der hälfte endlich zum sprechen kommt, dann hoffe ich, dass auch der männliche blick auf die männliche perspektive erwähnt wird. wo sind denn all die erwähnten kleinen despoten und herrscherlein? was sagen sie selber zu dem um sie herumgestrickten diskurs? da nimmt der versierte ethnologe mal gerne ein kontrastbeispiel zu hand, nämlich transvestiten. hilft aber nix, ich habe trotzdem einen schwulen freund, der so gar nicht seinem libido dominandi bei mir nachgehen will. hach! ist das wieder alles kompliziert! da lese ich vielleicht doch lieber den knackigen bestseller von frau roche über analfissuren und muschigeruch.

p.s.: freud zu zitieren und mit ihm psychologische dispositionen von „weiblichkeit/männlichkeit“ zu umreißen ist zwar ganz tollo, aber – war das nicht auch ein mann, der mit hysterischen fräuleins seine karriere begründete ? - sans mots -

lit.

März 17, 2008

„die ersten erfahrungen mit den hermetisch geschlossenen grenzen zwischen menschen sind hart. langwierige verhandlungen von freizügigkeitsabkommen werden meist nur im anschluss an große krisen aufgenommen, und bis dahin steht der mensch da, weiß nicht, ob er als herdentier oder einzelgänger zur welt gebracht wurde und muss seine diesbezügliche verwirrung auch noch vom schandbegriff ‘pubertät’ banalisieren lassen.“

juli zeh, „spieltrieb“ (2006)

ach juli…damals…gleich nach der überdosis houellebecq…

peter scholl-latour die pest an den hals

März 7, 2008

„meine kollegen des kamerateams sind fasziniert von den jungen russinnen, die das straßenbild weit mehr beherrschen als die grobschlächtigen, auf schlägertyp gestylten männlichen sibirjaken. es handelt sich bei diesen hochgewachsenen, teils bildschönen frauen keineswegs um prostituierte, obwohl sie sich deren attribute in grotesker weise zu eigen gemacht haben.[...] auf die frage, warum sie sich denn so extravagant ausstatte, antwortet einen schöne blonde: ‘beauty first’.[...]die schamlose darbietung ihrer reize dauert bei den jungen russinnen – das phänomen ist keineswegs auf magadan beschränkt – bis zur erreichung des ziels: der festen bindung an einen männlichen partner, wie boris versichert. einmal unter der haube, würden die schmalen hüften schnell in die breite gehen. die absätze schrumpfen dann auf ein normales maß. die grelle kriegsbemalung verschwindet aus dem gesicht, und der übliche schlendrian eines langweiligen, arktischen ehelebens wird mit viel wodka und zank beginnen.“

peter scholl-latour „russland im zangengriff“, TaBu 2007, s. 259

lieber peter scholl-latour!
ich bekam ihr buch zu weihnachten, als menschen aus meiner familie meinten, mir damit etwas gutes zu tun. jetzt ist bald ostern, ich las ein paar seiten…was soll ich sagen? thematik und stil sind eins a zum kotzen. früher hat man bücher weggeschmissen, heute verkauft man sie bei ebay weiter – das werde ich tun.
sie freuen sich bestimmt ganz toll, wie sie so alle gebirgszüge im hindukusch benennen können, und dass sie so krasse sachen in afghanistan oder weiß der kuckuck wo erleben. prima! das erinnert mich an jungs, die früher alles wußten, weil sie sonst nichts zum angeben hatten.
doch jetzt mal ehrlich: warum diese verachtung? aus jeder seite tropft die abfälligkeit gegenüber russen, afghanen, usbeken, tadschiken, chinesen – alle doof außer sie?? ich habe nach ein paar seiten aufgehört, die adjektive zu zählen, die diese bekannte überhebliche westeuropäische sicht rekonstruieren. hybris, herr scholl-latour, hybris. sie sagen: „die russen“. und sprechen noch nicht mal ein wort russisch, um herauszufinden, was dieses feindobjekt denn da brabbelt an den bushaltestellen und in den küchen.
das obige zitat muss man also auch nicht weiter beleuchten. oder doch? neben frauenverachtung spielen sie hier auch die experten-karte. es sei an edward said erinnert – der orient, das ferne, das unbekannte und irgendwie unverstandene ist immer weiblich. und schwach. oder so. naja, jedenfalls – grüßen sie mir die prostituierten in südfrankreich.

solidarisch zum internationalen frauentag

ihre,

olga park