vor sieben jahren oder so klappte ich sprachlos die „elementarteilchen“ des einen michels zu, heute dann also den „willen zum wissen“, auch gerne „das sexbuch“ von michel f. genannt. zwei franzosen mit demselben vornamen, von denen der eine prosaisch deklariert, was der andere etwa 1976 analytisch auseinanderfaserte.
sex und repression. zur zeit von „wille zum wissen“ vielleicht klassisch verstanden als ein berg von schuld und beichtzwang in einer noch nicht durch unausweichbare massenmedien gewöhnten öffentlichkeit. in echtzeittempo meint dies aber auch die nachmittäglichen talkshows der 90er und ihre obskuren einblicke, die gar nicht erst versuchten, ihren voyeurismus zu verbergen. die selbstdarstellung, selbststilisierung, unterwerfung unter wandelbare ideale zur einzig legitimen deklaration des quantitativ kopulierenden selbst.
vordergründige freiheit ist gleichzeitig in ihrem imperativ einschränkend. an diesem punkt hat das krokodil dispositv bereits zugeschnappt und man sitzt in der falle. verblüffend, dass foucault umso lakonischer erklärt: was ist denn nur los, es gibt diese repression, diese regeln nicht – es gibt nur macht und strategien, und sex ist auf machtbeziehungen und -strategien zwischen einzelnen „punkten“ (individuen, gruppen …) basierend. erobert man „seinen“ sex, erobert man seine eigene freiheit, seine macht, seine wahrheit – scheinbar „zurück“. reizvoll.
dann kommt das ende des bösen märchens: wenn sex auf macht basiert, dann ist die basis der macht widerum der machtkampf. repression entsteht da, wo sich die klassen spalten und die herrschende die parole des verbotes – was im grunde einer distinktion gleichkommt – ausruft. dass die klasse, die die hegemonie an sich reißt damit praktisch auch eine selbstkastration vornimmt, weil sie die markierung als erste vornehmen will, kommentiert foucault mit dem thema der psychoanalyse. diese würde schon dafür sorgen, dass die einen ihre verdrängung kostspielig sublimiert bekämen, während sich die verdrängung „der anderen“ v.a. in gesetzesüberschreitungen äußere (siehe österreich, möchte man meinen).
puh. dieser band ist alles andere als sexy.
von irgendwo im nebel des hirns taucht charlotte roche auf. erst neulich beschäftigte sich das magazin der süddeutschen zeitung mit dem thema „achselhaare“. das SZ-magazin deklarierte und dankte frau roche für den anstoss zum nachdenken über weibliche körperbehaarung unter den armen, denn nicht nur seien wir, das abendland, damit dem „natürlichen sex“ endlich wieder näher, sondern auch frauen, die sich rasierten, müssten sich nicht mehr als opfer eines ästhetischen imperativs ohne erkennbaren zweck fühlen – sie hätten bereits so eine große distanz zum allmächtigen gegenwärtigen sex-diskurs gefunden, wären so ausgefuchst auf-und abgeklärt, dass sie über sowas wie achselhaare doch nicht mehr nachdächten. bis es wieder sommer wird, will man hämisch hinterherrufen.
natürlicher sex? roches buch soll ja auf viele eine befreiende wirkung gehabt haben (es ist mir bis jetzt nicht untergekommen). da ist es wieder, foucaults spielchen: eine lesende und sich mit sexdiskursen beschäftigende klasse kauft das buch, angeregt, einen ratschlag zu erhalten, befreiung, wahrheit – wie ist dein sex, und ich sag dir wer du bist. es folgt religiöse beichte en detail. als existierte der sex nicht, so auch michel f., wenn man nicht über ihn redete.