Archiv für April 2008

heim&welt

April 29, 2008

mi casa est tu casa… premiere im wohnungssuchen in berlin. beenden wir die episode der kollektiven waschräume und unisextoiletten wir würdevollem wohnen in randbezirken. freundliche menschen am telefon meinen, sie „hätten sich schon für jemanden entschieden und so“, obwohl die anzeige erst einen halben tag alt ist, soso. fallstudien des hauptstädtischen immobilienmarktes:

„Helles Zimmer in 2er WG (m Enddreißiger), morbider Charme, gewollt schäbig, unsaniert, improvisierte Dusche, in Top-Lage mit Ausblick auf die Trendmeile, ab Mai 2008 zu vergeben. Wahlweise Teil- oder unmöbliert. Befristet mgl./Bevorzugt aber unbefristete Mietdauer. Für Freunde einfachen Wohnens.“

„Hallo, wir suchen für unsere vegane 4er WG im Norden Neuköllns ab Juni ggf. auch früher eineN neue Mitbewohner_in. Das Zimmer ist 12qm gross und kostet ca. 180 euro (incl. Allem d.h. Warm + Nebenkosten, DSL Flat, Telefon Flat, Jungle World, Konkret, Phase 2, kolik u. iz3w Abo etc.). Superschickes Bad, Dusche, Wanne, abgezogene Dielen, vegane Küche, gemeinsame Haushaltskasse, non-smoker!“

„Die Wohnung liegt sehr zentral (nur 10 min zu Fuss zum Alex oder zum U-Bahn Ebeswalderstr.)
Kurz zu mir: Ich heisse Jonathan, bin 26 Jahre alt und studiere an der FU. Ich moechte eine WG gruenden. Ich suche eine nette Mitbewohnerin zwischen 21 und 28 Jahren alt (am liebsten auch Studentin), die eine Bleibe fuer laenger sucht (mind. 1 Jahr).Ich moechte keine Zweck-WG. Wuerde gern zusamen ausgehen, mal etw kochen oder einfach am Abend ein Glas Wein trinken.Einen Putzplan gibt es hier nicht, aber muss auch kein Messie sein.Gute DeutschKenntnisse bevorzugt, weil mit Englisch bischen Schwirigkeiten habe.“

cult. anthr., round IV

April 22, 2008

zwischen russen und deutschen eingezwängt zu sein ist die historische bestimmung mitteleuropas. die mitteleuropäische angst schwankt historisch zwischen zweierlei sorge hin und her: die deutschen kommen, die russen kommen. der mitteleuropäische tod, das ist der tod im lager oder im gefängnis, ein kollektiver tod. massenmord, säuberungen. die mitteleuropäische reise, das ist die flucht. aber woher, wohin? vor den russen zu den deutschen? oder vor den deutschen zu den russen? gut, daß es auf der welt im notfall noch amerika gibt.

juri andruchowytsch „moja evropa

ja und damit beginnt es wieder.
gelockte mädchen mit träumendem blick und alternativem schmuck wollen „total gerne was so mit jüdischer diaspora machen und so“, das hätte sie schon immer interessiert. die deutsche romantik lebt weiter in diesen köpfen, staubige koffer, ein bärtiger vater mit pince-nez, wanderlust, abenteuer, schiffsfahrt, babylonisches sprachgewirr in den unteren klassen. amuröse verstrickungen über einen ganzen, alten kontinent, verlorene heimat wie im lehrbuch, märchen aus absurdistan. spionage, rauchende pistolen, akkumuliertes gedächtnis eines so genannten europas und seiner vertriebenen, umgeschichteten bewohner.
und jetzt&hier träumen sie stark von helden. retrospektive lockenmädchen mit wiedergutmachungsreflex gegenüber einfach allem und jedem und mit missionarisch-bekennendem eifer in den augen. puh.

feces

April 19, 2008

nun also: facebook. nicht nur muss die mich addende welt über jeden furz bescheid wissen, den ich von mir gebe. die frage ist, wer das wissen will und warum man soviel informations-overload produzieren muss. remove and hide. alles für den kleinen gott, der in jedem internetfähigen rechner sitzt.

unten mit pierre und den görlz

April 16, 2008

141 seiten mit pierre bourdieu, meinem intellektuellen späten stiefvater, und seiner „die männliche herrschaft“ (im französischen original 1998 erschienen) verbracht und immer noch werde ich das gefühl nicht los, ich lese die neue brigitte im wartezimmer beim arzt.

das spätwerk bourdieus ist leider schwachbrüstig, stilistisch (schachtelsätze des grauens) wie inhaltlich: pierre b. tut gerade so – aus welchem grund auch immer- als wäre der genderdiskurs der, sagen wir, letzten 15-20 jahre an ihm abgeperlt oder vorbeigerauscht wie regen an einer fensterscheibe. nicht ein sterbenswörtchen in richtung genderkoriphäe judith butler oder den third wave feminism. statt fleißig zu dekonstruieren, baut bourdieu nicht nur die schnarchige binarität von „mann/frau“ in der westlichen hemisphäre säuberlich wieder auf, sondern zieht als methode der objektivierung noch den vergleich mit einer „primitiven“, d.h. der kabylischen gesellschaft und ihrer androzentrik hinzu. äh, ja, klar soweit.
in den fußnoten verliert er sich kurz in der eigentlichen (m.E.) aufgabe seines werkes, nämlich der andeutung soziostruktureller unterschiede zwischen, der einfachheit halber, männern und frauen. denn nicht nur zwischen den geschlechtern, deren größter unterschied immer wieder gerne auch von bourdieu als biologisch legitimiert wird, sondern vor allem innerhalb der geschlechter herrschen gröbste differenzen bezüglich sozialer herkunft, aufstieg/abstieg in der gesellschaft, medien der wahrnehmung und darstellung, etc. einer frau zu unterstellen, sie wäre „wie alle frauen“ und würde dem entsprechend ihr handeln und denken ausrichten, nur weil sie phänotypisch einem bestimmten raster zuzuorden ist, ist vielleicht einer der größten beleidigungen, die man durchaus kritischen xx-chromosomenträgerinnen machen kann.

wenn schon „der weibliche blick auf die männliche perspektive“ nach etwas mehr als der hälfte endlich zum sprechen kommt, dann hoffe ich, dass auch der männliche blick auf die männliche perspektive erwähnt wird. wo sind denn all die erwähnten kleinen despoten und herrscherlein? was sagen sie selber zu dem um sie herumgestrickten diskurs? da nimmt der versierte ethnologe mal gerne ein kontrastbeispiel zu hand, nämlich transvestiten. hilft aber nix, ich habe trotzdem einen schwulen freund, der so gar nicht seinem libido dominandi bei mir nachgehen will. hach! ist das wieder alles kompliziert! da lese ich vielleicht doch lieber den knackigen bestseller von frau roche über analfissuren und muschigeruch.

p.s.: freud zu zitieren und mit ihm psychologische dispositionen von „weiblichkeit/männlichkeit“ zu umreißen ist zwar ganz tollo, aber – war das nicht auch ein mann, der mit hysterischen fräuleins seine karriere begründete ? - sans mots -