heidi heida

By olgapark

olgapark: ich habe neulich diesen film gesehen, „die heide ruft“, da fahren drei behinderte männer so drei bis sechs mal im jahr in so’n dorf namens trebel und haben dann in einer einrichtung, die sich darauf spezialisiert hat, sex mit quasi heilpädagogisch geschulten prostituierten.
PL: wow, drei mal sex im jahr, ist wohl mehr als mancher durchschnittsstudent hat.

so gehört im web.

am 23.02.2008 hatte der dokumentarfilm „die heide ruft“ im kino arsenal berlin premiere. im grunde handelt es sich dabei jedoch um eine filmische diplomarbeit dreier humboldt-universitäts-studenten, die regiesseurin war mirjam mirwald (fachrichtung rehabilitationswissenschaften und gender studies).
der film wirft eine banale wie komplizierte frage auf: wie und unter welchen umständen können menschen mit körperlichen und/oder geistigen beeinträchtigungen ein, sagen wir vorsichtig, halbwegs vernünftiges und vor allem befriedigendes sexualleben haben?


was muss der behinderte selbst wissen, von den „facts of life“ angefangen über biologische vorgänge wie u.a. auch verhütung von schwangerschaften bis hin zu den eigentlich schwierigen bereichen – dem aufbau von partnerschaften und einem gewissen maß an empathie und verantwortung für sein(e)/ihr(e) gegenüber? wie kann „körper“ erfahren werden für jene, deren körper krass von einer gesetzten norm abweichen, denen ein „normales“ sexleben unter umständen physische als auch seelisch schmerzen bereitet? wie gesagt, so banal das thema anmutet, umso komplizierter die umsetzung, die überlegungen und die diskussionen zwischen „experten“ in form von fachkennern, betreuern, dem interessierten und studierenden publikum und nicht zuletzt – den behinderten selber.
das publikumsauge begleitet stefan, hardy und jürgen auf dem von ihrer auf dem land gelegenen betreuungseinrichtung nach trebel, wo sie einen „wochenend-erotik-workshop“ bei lothar sandford (dem anschein nach querschnittsgelähmt) und seiner gründungspartnerin nina de vries (nicht behindert) besuchen. der plüschige name des workshops, wie so viele bezeichungen, sind zwar mit einer erhöhten aufmerksamkeit gegenüber möglichen verbalen und semantischen diskriminierungstendenzen verbunden, sind aber oft auch nur seltsam anmutende euphemismen – und schon taucht die frage auf, für wen ist das alles gut? nun ja.
stefan, ein typ mit bierbauch und großer klappe, sammelt uhren, scheint bis auf im gespräch deutlich werdende verzögerungen und intellektuelle einschränkunkungen eigentlich nicht weiter außergewöhnlich. jürgen fällt da eher auf – er redet sehr leise, sehr langsam, ist zurückhaltend und hat leichte motorische einschränkungen. und hardy ist motorisch sichtbar gezeichnet, hat zwar eine gute auffassungsgabe und kognitives vermögen, jedoch sprachliche probleme. zusammen machen sie sich, beinahe in musketier-manier, auf den weg zu ihrem „workshop“.
fast möchte man sich nicht vorstellen, warum die drei männer in trebel sind. alles ist doch so schön. frühlingswetter, ein ausflug eben, urlaub vom behindert sein. dann schnitt: „ich war am beratungstelefon, als mich ein 20-jähriger anrief, meinte, er wäre behindert und würde  endlich mal gerne FICKEN, aber nach vielen enttäuschungen mit mädchen wollte er zu einer prostituierten. er wußte nicht ob die huren ihn akzeptieren würden, er wüßte von mir gerne, wo es spezialisierte nutten gäbe, die es auch einem behinderten machen würden.“ so der berliner sprecher (name ist mir leider entfallen) von „sexybilities“.

bang! und da steigt der film ein ins grobformat. es geht um erotische abendessen, um gefilmte rendez-vous zwischen der trebel-prostituierten v. und ihren „kunden“ – stefan, jürgen, hardy. da liegen hundert euro auf dem tisch, die kommen pro damenbesuch zu den fahrt- und unterbringungskosten hinzu. es ist beinahe anrührend, wie der motorisch beeinträchtigte hardy „seine“ v. anfäßt, wie sie lächelt und mit den händen den ästhetisch negierten körper nicht nur entstehen läßt sondern ihm ausgesprochene freude bereitet – gleichzeitig will man sich vor lauter voyeurismus nur abwenden, denn, was gehen mich anderer leute schlafzimmer eigentlich an? das zoo-artige gefühl stellt sich ein, jedoch muss es zusammen mit der dringlichkeit, das thema auch einem breiten publikum zuzuführen, leider gekauft werden.

die sich nach dem film anschließende diskussion im saal gibt die problematik wieder: wie kann man behinderte menschen auf unaufgeregte weise sexuell in die sich als gesund definierende mehrheitsgesellschaft integrieren, ohne jedoch die verantwortung abzugeben, die das thema verlangt, gerade wenn es um fragen des missbrauchs und ungewollten sexuellen übergriffs geht? warum heißt der film im untertitel „sexualbegleitung [ein weiterer schrecklicher euphemismus, O.P] für MENSCHEN mit beeinträchtigungen“, wenn es doch nur männer zu sehen gibt und die zwiespältigkeit der im prinzip rein weiblichen prostitution von einer feministischen seite abgelehnt wird, während gleichzeitg großes verständnis für die „besonderen“ umstände des sexuellen erlebens geistig und/oder physisch eingeschränkter menschen herrscht? warum wird das schön-wort „beeinträchtigung“ in den titel hochgehoben, wenn doch anschließend alle von „behinderten“ (deshalb auch von meiner seite eine ablehung von verbaler einheitlichkeit) reden?

da sitzen sie nun vor der dunklen leinwand – stefan, jürgen und hardy sind nach berlin gekommen zur premiere – und sollen die teilweise komplexen fragen des publikums beantworten. das zeigt sich ohne den reha-leitfaden irritiert von deren antworten, hört nicht die kohärenz, die der film noch vorgab durch schnitt und interviews. ja, wie ist das also? was  einrichtungeb wie den erotik-workshops für behinderte jeglicher art v.a. ambivalent macht – bei anstrebung einer möglichst hohen autonomie der einzelnen personen – ist die schiere existenz des zentrums. es nimmt den druck von den teilnehmern, im „leben da draußen“ (das nur sehr peripher in der doku stattfindet)eine frau/ einen mann zu finden, ihr/ihm zu gefallen und es mit ihr/ihm bis ins bett zu schaffen. und das ist ja auch noch nicht die ganze miete. es geht um körperliche beeinträchtigungen bis hin zu schmerzen, es geht um sexuelle aufklärung, und wie schon oben erwähnt, um die manchmal extrem hohe hürde des empathischen wahrnehmens – z.b. welche berührungen sind gewollt/ungewollt, welche sind angenehm, welche [teilweise extrem subjektiv empfunden] störend, irritierend, verletzend? was passiert mit grenzfällen wie autisten, wo bedürfnisse nach zuwendung im manchmal extremen widerstreit mit der ablehnung von physischer berührung und fehlender empathie stehen? ein kognitiver und motorischer akt, der auch einen gesunden menschen vollkommen überfordern kann. und da kommt die prostituierte, hier „sexualbegleiterin“ getauft, ins spiel, sie macht mit, läßt sich ein, verzieht nicht das gesicht, ob aus ästhetischen oder anderen gründen. sie muss keine befriedigung erhalten, sie wird trotzdem freundlich sein und sich weiterhin bemühen. alles schön und gut, aber so ist das leben, das autonome leben, nun mal nicht. gerade wenn einer der beiden partner kognitiv überlegen ist (in dem fall die hure) und die kontrolle übernimmt. ihr körper ist im grunde objekt, ob es zum tatsächlichen sex kommt oder „nur“ bei anfassen und küssen bleibt oder überhaupt nichts passiert, ist unrelevant für sie – nicht aber für eine „reale“ frau (es sind, statistisch, mehr männer, die diesen service in anspruch nehmen. männliche prostitution für weibliche kundinnen hat sich bisher weder etabliert noch ist sie in dem maße sichtbar wie das weibliche pendant und kann in seinen auswirkungen daher eher nur theoretisch diskutiert werden). der betreuer des oben genannten trios äußerte sich besorgt, einerseits begrüßt er das programm als einen schritt in die richtige richtung, dennoch fragt auch er sich, ob dies nicht eher ein „ventil“ darstellt, bezahlter kuschelsex für behinderte ["auf rezept" möchte man fast rufen, O.P], das aber inkompatibel sei mit den manchmal schwierigen anforderungen partnerschaftlicher, sexueller oder generell sozialer bezehungen. denn auch stefan, jürgen und hardy können davon erzählen: stefan und jürgen haben freundinnen, die jedoch meist nur küsse mit ihnen tauschen; hardy, der motorisch und verbal eingeschränkte ist gar zurückgeworfen auf die mädchen aus dem orion-heft. das ziel der workshops geht so weit, zu behaupten, mit dem quasi „sexuellen rüstzeug“ würden sich die behinderten nun auch trauen, selbstbewußt zumindest den versuch einer freundschaftlichen oder sexuellen beziehung zu nichtbehinderten aufzubauen. es scheint aber einfach wenig realistisch – so auch der sprecher von „sexybilities“ – dass ein „gezeichneter“, wie er sich ausdrückt, von einer frau (wir reden immer noch über männer…) mit offenen armen empfangen wird und die behinderung im grunde ein handicap ist, aber übersehen werden kann. eben nicht! genauso wenig können z.b. suchtverhalten, depressionen oder aggressionen einfach mal übersehen werden, und so vieles mehr. traurige wahrheit ist auch, dass behinderten frauen diese möglichkeiten nur sehr wenig bis gar nicht zur verfügung stehen. wie sich der betreuer ausdrückt – „eine depression, selbstverletztendes verhalten und psychosomatische störungen sind im heimalltag besser zu kontrollieren, deswegen wird den frauen wenig aufmerksamkeit geschenkt. männer hingegen reagieren aggressiv und unberechenbar, ihr nach außen gerichtetes verhalten evoziert eher konflikte, z.b. mit den betreuern, und wird daher schneller erkannt und behandelt.“ den einen doping und schnürverband, den anderen erotik-seminar und käuflicher sex, tja.
ein selbstbestimmtes leben sieht anders aus. es kalkuliert und optioniert lediglich in beschränktem maße auf eventuelle schonräume aufgrund von dispositionen, die negative folgen nach sich ziehen könnten. schon alleine die frage nach sexueller aufklärung für behinderte könnte in diesem fall zum streitobjekt werden, denn, wie viele gesunde „kids“ haben ebenso keinen schimmer von z.b. verhütung und hygienischen standards und vögeln trotzdem munter durch die weltgeschichte? werden ungewollt schwanger? führen schlechte beziehungen, sind mittelmäßige eltern, haben soziale schwierigkeiten? nicht zu sprechen von sex-pannen, frustration, mangelndem einfühlungsvermögen, sexuellen übergriffen, orientierungsschwierigkeiten, kommunikationsschwierigkeiten, unkenntniss….undundund. so ziemlich alles kann in diesem bereich auch für „normale“ schiefgehen. freiheit und autonomie wäre im falle der behinderten sicherlich auch die freiheit zu scheitern. oder positiver formuliert: ansprüche zu stellen, weil man selber auch weiß, dass es eben nicht ohne anstrengungen geht, „da draußen“.  das fängt bei so banalen dingen an, wie z.b. auch behinderten ein ästhetisches grundempfinden zu geben, viele von ihnen werden jedoch aus „überbetreuung“ heraus in alte sack-klamotten gesteckt und kosmetisch so wie hygienisch auf sparflamme behandelt und wirken damit kaum attraktiv. auch für „die gezeichneten“ ist dies ein richtiger schritt. warum sollte schönheit und attraktivität kein thema sein? es gehört dazu. und weiter: oft erweckt die pädagogik, gerade was sexuelle aufklärung für behinderte betrifft, den eindruck, es handelt sich hier um „katastrophenverhinderung“. behinderte habe jedoch ebenso in sehr vielen fällen physische und mentale dispositionen, z.b. kinder zu wollen und zu bekommen – also warum nicht? es liegt in der aufgabe eder gesellschaft, diese eltern zu unterstützen, nicht, ihnen eine grundlegende menschliche fähigkeit abzusprechen, nur weil wir uns vor „einem weiteren behinderten“ innerlich fürchten. kulminiert findet sich diese pädagogik in einer interviewfrage wieder, die an jürgen gestellt wurde: „was ist sexualität für dich?“ und jürgen sagt: „na…sexualität…das ist…so…so…liebe.“ aua.
 

Eine Antwort zu „heidi heida“

  1. uschiohlala sagt:

    http://disgenderbility.wordpress.com/2008/03/26/28052008-die-heide-ruft-an-der-humboldt-universitat/

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